Teilnehmer der Landesdelegiertenversammlung 2017 (Foto: mjg)
Frau Lorberg (Foto: mjg)
Herr Winkler und Herr Wiegmann (Foto: mjg)
Herr Derabin stellt sich vor (Foto: pw)
Herr Sartor stellt sich vor (Foto: mjg)

„Schlesien ist lebendig – und nicht nur Geschichte“ - Interview von Editha Lorberg mit Stephan Rauhut und CDU-Fraktionschef Björn Thümler

Stephan Rauhut und Niedersachsens CDU-Fraktionschef Björn Thümler im Gespräch mit Editha Lorberg
(aus Schlesische Nachrichten, Nummer 5.2017, Seiten 6 und 7)

 

Das Land Niedersachsen hat seit 1950 die Patenschaft der schlesischen Landsmannschaft inne. Während sich die politischen Rahmenbedingungen in dieser Zeit immer wieder verändert haben, bleiben die zentralen Fragen auch nach nahezu 70 Jahren unverändert: Wie soll die Erinnerungskultur gestaltet werden? Wie kann die junge Generation für die Bewahrung der schlesischen Kultur begeistert werden? Und was kann das Land Niedersachsen als Pate der Landsmannschaft hierfür tun – müssen die Beziehungen gar neu definiert werden? Darüber spricht die Vorsitzende des Niedersächsischen Bundes der Vertriebenen, Editha Lorberg, mit dem Bundesvorsitzenden Stephan Rauhut und dem niedersächsischen CDU-Fraktionschef Björn Thümler.


Lorberg: Die Einheit Deutschlands jährt sich dieses Jahr zum 27. Mal. Sie war auch an die endgültige deutsch-deutsche Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze geknüpft, was damals noch umstritten war. Herr Rauhut, was hat sich seit 1990 für die Schlesier geändert?

Rauhut: Die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze war für die Erlebnisgeneration sicher nicht einfach zu verdauen. Die Einheit hat auf deutscher Seite letztlich jedoch dafür gesorgt, dass die Kinder und Enkelkinder der Vertriebenen ihre Wurzeln heute erkunden und verstehen können. Auch auf polnischer Seite hat sich einiges getan. Hier ist seit dem EU-Beitritt viel Geld geflossen, um das kulturelle Erbe Schlesiens zu erhalten. Überhaupt besteht in Polen ein großes Interesse auch am deutschen Anteil an der schlesischen Kultur…

Lorberg: … während auf der deutschen Seite die Erinnerung immer stärker verblasst. Zahlreiche Heimatstuben in Niedersachsen werden geräuschlos geschlossen, Vertriebenenarchive und Heimatsammlungen aufgelöst.

Rauhut: Ja, das ist eine echte Herausforderung. Dabei verpflichtet das Vertriebenengesetz Bund und Länder dazu, das Kulturgut zu erhalten. Ich beobachte jedoch schon seit geraumer Zeit eine Verschiebung der Zuständigkeit vom Land hin zu den Kommunen. Und die streichen ihre Förderungen und Patenschaften, auch weil Unterstützer fehlen. Dass ein wenig Engagement hilft, haben wir in Springe in der Region Hannover gesehen: Nachdem sich viele Bürger und auch die Landsmannschaft für den Erhalt eines zuvor entfernten Vertriebenendenkmals eingesetzt hatten, wurde es wieder errichtet. So ein Beispiel kann Schule machen.

Thümler: Ich sehe tatsächlich mit großer Sorge, dass uns ein wichtiges Stück deutscher Geschichte verloren geht. Hier ist das Land Niedersachsen in der Pflicht, seinen gesetzlichen Aufgaben nachzukommen. Zum Teil fehlt in der Politik jedoch das Bewusstsein, dass die schlesische Kultur ein wichtiger Bestandteil der deutschen Kultur insgesamt ist. Fast jeder dritte Niedersachse hat schlesische Wurzeln! Ich wünschte mir daher auch, dass dieser Umstand genauso wie die Ursachen von Flucht und Vertreibung stärker im Schulunterricht behandelt werden. Die Projekte zum Jugendaustausch in der Begegnungsstätte Kreisau in der Nähe von Breslau sind bereits ein gutes Beispiel, wie wir die Patenschaft zu Schlesien nachhaltig stärken und vertiefen können.

Lorberg: Zumal es immer weniger junge Menschen gibt, die sich ihrer schlesischen Wurzeln bewusst sind. Welche Anstrengungen sind nötig, um die heutige Enkel- und Urenkelgeneration für den Erhalt der schlesischen Kultur zu begeistern?

Rauhut: Die Idee, schlesische Geschichte in der Schule zu thematisieren, gefällt mir gut. Wissen schafft Verständnis. Wir müssen zudem dafür sorgen, dass wir Schlesien erlebbar machen. Schlesien ist lebendig und nicht nur Geschichte! Es gibt bereits tolle Erfahrungen mit dem Austausch zwischen deutschen und polnischen Schlesiern. Das schafft eine ganz besondere Betroffenheit und weckt gegenseitiges Interesse.

Lorberg: Das Grenzdurchgangslager Friedland, einst Tor zur Freiheit, könnte als bedeutende zeithistorische Einrichtung eine besondere Rolle dabei einnehmen. Wie stehen Sie zu der Idee, neben dem bereits realisierten Museum im ehemaligen Bahnhof Friedland eine Begegnungsstätte, ein Archiv und eine Heimatsammlung auf dem Gelände des ehemaligen Grenzdurchgangslagers zu errichten?

Thümler: Friedland ist mit Blick auf seine Vergangenheit, aber auch auf die ganz aktuelle Nutzung ein überaus geeigneter Ort für ein Museum, das sich dem Thema Flucht und Vertreibung widmet – als Erinnerung an die eigene, deutsche Geschichte, aber auch als Mahnung an alle, welche katastrophalen Folgen Kriege für die Bevölkerung haben. Wir können uns ein zukunftsweisendes Konzept mit einer Begegnungsstätte gut vorstellen. Was immer jedoch das Land in diese Richtung unternimmt: Wir müssen die Landsmannschaft an den Planungen intensiv beteiligen.

Rauhut: An uns würde ein solches Projekt gewiss nicht scheitern, im Gegenteil. Es ist gut denkbar, dort auch die kulturell wertvollsten Stücke aus den aufgelösten Heimatstuben zu bündeln, zu integrieren und junge Menschen einzubinden – ganz im Sinne einer Begegnungsstätte. In Bayern gibt es beispielsweise das „Schaufenster Schlesien“, das gut angenommen wird. So ein interaktiv gestaltetes „Schaufenster“ ist mit Blick auf die Jugendlichen vielleicht etwas greifbarer als ein klassisches Museum. Ich wünsche mir, dass wir eng in solche Überlegungen eingebunden werden und glaube, dass wir auch wirklich etwas beizutragen haben!

Lorberg: Aktuell werden die Beziehungen zwischen niedersächsischer Landesregierung und Landsmannschaft durch die Pressestelle des Innenministeriums koordiniert – wird das Land seiner Patenschaft so gerecht?

Thümler: Wir sind der Auffassung, dass man nur dann eine engere Patenschaft wirklich vorantreiben kann, wenn es ein beiderseitiges Interesse daran gibt. Herr Rauhut hat ja bereits darauf hingewiesen, dass die Landsmannschaft gerne mitgenommen werden möchte. Ein entsprechendes Signal seitens der Landesregierung fehlt allerdings. Eine Pressestelle macht Öffentlichkeitsarbeit. Was wir aber brauchen, sind Konzepte für eine neue Zusammenarbeit. Wir müssen daher darüber nachdenken, die Patenschaft beispielsweise durch ein eigenes Referat mit Leben zu füllen.

Rauhut: Grundsätzlich ist es gut, einen festen Ansprechpartner zu haben, der sich auch um die Weiterentwicklung und Vertiefung der Patenschaft kümmert. Wir tragen die derzeitige Situation notgedrungen mit, würden aber eine Aufwertung unserer Beziehungen natürlich begrüßen. Was wir aktuell dringend benötigen, ist eine bessere finanzielle Unterstützung unserer Bundesgeschäftsstelle und des Deutschlandtreffens. Niedersachsen ist das einzige Bundesland, das seine Landsmannschaft nicht ausreichend ausstattet.

Thümler: Auch über eine finanzielle Aufstockung wird zu reden sein. Wir als CDU stehen zur Landsmannschaft Schlesien, und das wollen wir auch zeigen. Daher freue ich mich, Ihre Mitglieder im Rahmen des eben angesprochenen Deutschlandtreffens wiederzusehen. Wir richten auch in diesem Jahr wieder einen Empfang im Leineschloss aus, zu dem wir die Landsmannschaft herzlich einladen.

Rauhut: Die Einladung nehmen wir sehr gerne an!

Landesdelegiertenversammlung 2017 des BdV Niedersachsen: Editha Lorberg MdL einstimmig erneut als Vorsitzende wiedergewählt

Bei der Landesdelegiertenversammlung des BdV Niedersachsen wurde die seit zwei Jahren amtierende Vorsitzende Editha Lorberg von den anwesenden Delegierten einstimmig wiedergewählt. Die Landtagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion wird dem Bund der Vertriebenen in Niedersachsen damit weitere drei Jahre vorstehen. Auch die beiden stellvertretenden Vorsitzenden Peter Winkler und Klaus Wiegmann wurden von den Delegierten einstimmig in ihren Ämtern bestätigt. Die Versammlung stimmte außerdem dem Vorschlag des geschäftsführenden Vorstandes zu, den 37-jährigen Rechtsanwalt Kilian Sartor und den 29-jährigen Rechtsreferendar Paul Derabin zur Unterstützung der Vorstandsarbeit in Fragen der Finanzen und der Öffentlichkeitsarbeit in das Gremium zu kooptieren.

In ihrem Bericht über das vergangene Jahr hob die Vorsitzende Editha Lorberg den Tag der Heimat am 8. Oktober 2016 in Hannover und die Verständigungsfahrt nach Bautzen und Umgebung hervor. Erstmals fand im Jahr 2016 ein "Weihnachtscafé" in Hannover statt, dieses soll im Dezember 2017 wiederholt werden.

Unzufrieden zeigte sich Editha Lorberg über die aktuelle Zusammenarbeit mit der Landesregierung. Nachdem bereits die Stelle des Landesbeauftragten für Fragen der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler von der rot-grünen Landtagsmehrheit abgeschafft wurde, steht dem Bund der Vertriebenen nunmehr auch kein Fachreferat im Innenministeriums als Ansprechpartner zur Verfügung. Die Angelegenheiten der Heimatvertriebenen wurden stattdessen der Pressestelle des Ministeriums zugeordnet. "Mit dieser Entscheidung hat die Landesregierung deutlich gemacht, wie gering der Stellenwert ist, den sie den Heimatvertriebenen zukommen lässt", erklärte Editha Lorberg.

Die Delegierten haben sich einmütig dafür ausgesprochen, dass der geschäftsführende Vorstand bis zum Herbst 2017 eine Satzungsänderung bezüglich der Mitgliederübertragung im Falle der Auflösung von Orts- und Kreisverbänden an den Landesverband und bezüglich der Umstellung von Delegiertenversammlungen auf Mitgliederversammlungen prüfen soll.

Für das laufende Jahr kündigte Editha Lorberg an, dass vor dem Schlesiertreffen am Freitag, 23. Juni 2017 wieder ein Empfang der CDU-Landtagsfraktion für die bundesweit anreisenden Teilnehmer stattfinden wird. Der Tag der Heimat in Hannover findet am 9. September 2017 statt. Er steht unter dem Motto „60 Jahre Einsatz für Menschenrechte, Heimat und Verständigung“. Der Landesvorsitzende der CDU in Niedersachsen, Dr. Bernd Althusmann, hat sein Kommen zugesagt. Er wird die Ansprache halten.

Außerdem berichtete Editha Lorberg, dass die Geschäftsstelle immer wieder Anfragen von Schulen erreichen, die gerne Zeitzeugen oder fachkundige Personen in ihren Geschichtsunterricht einladen möchten. Interessierte BdV-Mitglieder können sich gerne in der Geschäftsstelle des BdV melden, um bei Anfragen von Schulen und anderen Einrichtungen für solche Projekte vermittelt zu werden.

Der kulturelle Beitrag der Delegiertenversammlung wurde in diesem Jahr von Herrn Hans-Jürgen Kämpfert gestaltet. Der pensionierte Oberstudiendirektor aus der Nähe von Lübeck war nach Hannover gekommen, um über Nicolaus Copernicus aus Thorn, Universalgelehrter und Zeitzeuge der Reformation zu berichten. Begleitend zu dem Vortrag zeigte Herr Kämpfert Dias.