Gedenken einmal anders

 

Brief an die Mitglieder des Kreisverbandes Osterrode vom 13.06.2017


Liebe Mitglieder des BdV, liebe Heimatfreunde!

Zum dritten Mal wird in diesem Jahr der Weltflüchtlingstag in der Bundesrepublik Deutschland begangen, an dem auch des Schicksals der deutschen Heimatvertriebenen gedacht werden soll. Bisher hat immer der Orts- und Kreisverband Osterode des BdV am 20. Juni zu einer Feierstunde in die Stadthalle geladen. Und zwar haben wir schon in den Jahren zuvor, allerdings zu einem späteren Termin, eine solche Feier gehalten.

Das können wir jetzt nicht mehr. Denn schon 2016 war der Besuch so schwach, daß die Ehrengäste beinahe die Mehrheit bildeten. Unsere Mitglieder sind oft zu alt und zu gebrechlich zu einem solchen Unternehmen. Ich zähle mich selbst dazu. Vor nur etwa einem Dutzend Zuhörer einen mühsam ausgearbeiteten Vortrag zu halten, erscheint uns dem Tag nicht angemessen; also lieber gar keine Feier.

Deshalb wählen wir einen anderen Weg. Ich schicke Ihnen einen Brief dazu. Den können Sie zu Hause in Ruhe lesen. In der Zeitung erscheint dann, wenn überhaupt, nur eine kurze Notiz. Das kann ich dieses Jahr noch leisten, eventuell noch länger, so Gott will.

Der BdV hat lange einen nationalen Gedenktag vergeblich gefordert. Nun haben wir ihn, allerdings nur als kleines Anhängsel an den Weltflüchtlingstag. Ein eigener Termin, wo nur unser Schicksal das Thema ist, wurde uns von der politischen Mehrheit im Bundestag nicht zugestanden. Als 2015 die Menge der jetzigen Flüchtlinge aus dem Irak, Kurdistan, Syrien und dem ganzen Kontinent Afrika zu vorher unvorstellbarer Zahlen anschwoll, verschwand das uns angetane Unrecht und Leid aus den Schlagzeilen und damit aus dem öffentlichen Interesse. Die Gegenwart ist drängender, unser Leid und unsere Not gehören der Geschichte an und das geschichtliche Interesse ist heute bei uns Deutschen geringer geworden.

Umso notwendiger ist dieser Gedenktag. Denn Unrecht bleibt Unrecht, auch wenn es vergessen und nicht mehr verfolgt wird. Der zeitliche Abstand zu den Ereignissen bei und nach Kriegsende erlaubt es, von dem einfachen Schema Tätervolk und Opfervolk Abschied zu nehmen. Es geht nicht mehr darum, mit dem Finger aufeinander zu zeigen und den Gegner von damals kollektiv als Täter zu brandmarken. Nein, auf beiden Seiten gab es Täter und Opfer, wenn auch oft zu verschiedenen Zeiten. Man wechselte die Seiten, z.B. in der ehemaligen Tschechoslowakei oder in Polen.

Dazu muß man die einzelnen Ereignisse genau betrachten. Zwangsarbeit leisteten Tschechen und Deutsche, Russen und Deutsche. Man kann eigenes Leid gegenüber fremdem Leid nicht abwägen oder abmessen. Auf beiden Seiten weinen Mütter über ihre Kinder. Jedes Einzelschicksal ist anders. So kann ein Gedenken immer nur ein gemeinsames sein.

Wir Deutsche mögen als Kriegsverlierer weiter in diesem Gedenken gekommen sein als die Sieger von damals. Aber man kann sehen, daß es etwa in Polen oder Tschechien eine Wandlung und Fortschritte in diese Richtung gibt. Man hört, daß deutsche Friedhöfe wieder hergerichtet werden, statt mit abmontierten Grabsteinen Wege zu pflastern. Und in der deutschen Erinnerungsliteratur gibt es Bücher, in denen traumatisierte ältere Vertriebene endlich ihr Schweigen brechen, von den Schrecknissen erzählen; aber auch gute Menschen auf der anderen Seite gelobt werden.

Dies muß weiter gefördert werden. In unserem Volk muß neben der heutigen Willkommenskultur auch die Erinnerungskultur gepflegt werden. So kann aus latenter Feindschaft einmal offene Freundschaft werden.

Hubert Wabbels, 1. Kreisvorsitzender BdV Kreisverband Osterode


Eine Anmerkung von Hubert Wabbels:


„Unsere Mitglieder werden älter. Ohne Rollator oder Abholung mit Pkw geht kaum noch etwas. Selbst das reicht nicht immer. Daher können wir mit Versammlungen im bisherigen Stil immer weniger Menschen erreichen. Der BdV-Kreisverband Osterode hat deshalb einen anderen Weg probiert: Briefe an alle Mitglieder themenbezogen und nicht zu lang. So können kranke oder behinderte Menschen an unserer Arbeit, im BdV teilnehmen und sich informieren. Unser Versuch zum Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni verlief ermutigend. Die örtliche Presse hat ihn positiv aufgenommen und weiterverbreitet. In einer Versammlung von fünfzehn Mitgliedern wäre kein Reporter gekommen und kein Bericht erschienen. Wir empfehlen unser Vorgehen auch anderen Verbänden mit ähnlicher Altersstruktur.“

Übrigens: Dem Harz-Kurier in seiner Ausgabe vom 20.06.2017 war die Briefaktion von Herrn Wabbels mit der Überschrift „Erinnerungskultur muss gepflegt werden“ eine
halbe Zeitungsseite wert.