Heyersum – Wer 1932 im Deutschen Reich von Aachen bis in die Nähe von Königsberg wollte – genauer gesagt nach Eydtkuhnen an der Memel – fuhr auf der längsten Straße, die es je in Deutschland gab: die fast 1 400 Kilometer lange Reichsstraße 1. Heute heißt diese Straße Bundesstraße 1 – und unter diesem Namen gelangt man auf ihr auch nicht mehr bis an die litauische Grenze: sie endet an der Oder im Küstriner Vorland.
Die B 1 führt natürlich an Heyersum vorbei. Schon von weitem sichtbar steht hier einige Meter vom Straßenrand entfernt auf dem Mühlenberg das Mahnkreuz, das 1961 vom Bund der Vertriebenen errichtet wurde und traditionell Ort des Gedenkens zum „Tag der Heimat“ ist – dieses Mal unter dem Motto „75 Jahre nach Kriegsende“. Karl-Heinz Hoffmann, der Organisator der Gedenkveranstaltung, begrüßte mehr als 50 Anwesende, unter ihnen Vertreter der örtlichen Verwaltung, Politik und Mitglieder umliegender Orts- und Kreisverbände. In seinen einleitenden Worten sprach er das seelische Leid an, das in Folge „der größten Völkerverschiebung der Geschichte“ zum Verlust der Heimat geführt habe, wies aber auch darauf hin, welches Glück es sei, seit 75 Jahren in Frieden leben zu dürfen.
Musikalisch unterstützt wurde die Veranstaltung zum einen von Manfred Lilienthal. Er umrahmte die Veranstaltung mit mehreren Trompetensoli. Zum anderen mussten die Anwesenden entgegen der Ankündigung nicht auf das Singen von Heimatliedern verzichten, und so konnten mit Hilfe bereitliegender Textzettel die Heimatliebe zum Land der dunklen Wälder (Ostpreußenlied), dem Oderstrand (Schlesierlied), zum hellen Meeresstrand (Pommernlied) und zu dunklen Kiefernwäldern (Brandenburglied) von den Anwesenden ihren Ausdruck finden – alles lokale Bestimmungen, die nicht mehr nur abstrakte Sehnsuchtsorte sind, sondern dank des Falls des Eisernen Vorhangs ohne große Probleme wieder besucht werden können. Nach der Kranzniederlegung durch Herward Gloeden und Kurt Kunze beschäftigte sich Hoffmann in einem Rückblick beispielhaft für viele Vertriebene mit dem Schicksal von Magda Schönfeld, deren Flucht „von Deutschland nach Deutschland“ mit einem Treck über das winterliche Riesengebirge traumatische Erfahrungen mit sich brachte. Er schilderte die Veränderung der Sozialstrukturen in den aufnehmenden Bundesländern aufgrund unterschiedlicher Konfessionen und Dialekte, die große Hilfsbereitschaft, aber auch Ablehnung. Hoffmanns Bericht über Magda Schönfeld endete mit dem Dank, der letztendlich für die Aufnahme auszusprechen sei, und der Feststellung, „Schlesien sei Heimat, aber zu Hause sei Nordstemmen“.
Ihr Grußwort begann Ute Bertram, ehemalige Bundestagsabgeordnete, mit der Frage, ob die Menschheit nichts gelernt habe – angesichts der Tatsache, dass in 75 Jahren, in denen wir in Frieden leben, die Zahl der Flüchtlinge in die Millionen gehe. Sie nannte aktuelle politische Ereignisse und Zustände, welche die Welt erschüttern und erinnerte die Anwesenden daran, dass nur derjenige die Zukunft gestalten könne, der die Vergangenheit kenne.
Vier Jahre vor dieser Veranstaltung hielt die damalige Vorsitzende des BdV, Editha Lorberg, die Ansprache und betonte die Bedeutung des Kreuzes für Heimat. Auch sie nannte Frieden, Freiheit und eben Versöhnung. Gerade letztgenannte kann Teil einer gelungenen Vergangenheitsbewältigung sein, wenn man bei dem Ziel Versöhnung zu wollen sich mit dem beschäftigt, was wirklich geschah. Dazu gehört unter anderem, dass man die Wahrheit sucht.
Die Wahrheit der ehemaligen Reichsstraße 1 ist, dass vor etwa 75 Jahren – im April 1945 – an einem ihrer Abschnitte östlich von Berlin die letzte und größte Schlacht auf deutschem Boden stattfand. Zwischen Müncheberg und Seelow brachte sie Tausenden den Tod: deutsche Soldaten, die ihre Heimat verteidigen wollten und nun auf unzähligen Friedhöfen ruhen. Es waren aber auch Soldaten dabei, die sich weigerten, sinnlos für ihre Heimat weiterzukämpfen. Von fanatischen SS-Männern wurden sie ergriffen und als Verräter an der Heimat kurzerhand an den Bäumen, die sich rechts und links am Rand der Chaussee befanden, aufgehängt. „Allee der Gehenkten“ wird dieser Teil der Straße seitdem genannt. Heimat tut nicht immer gut.
Mit freundlicher Genehmigung der Leine-Deister-Zeitung, erschienen am 06.09.2020

